Aktuelles
  •  

80 Jahre nach der Reichspogromnacht

An die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird in den nächsten Tagen auch in Stuttgart mit einer Reihe von Gedenkfeiern, Projekten und Vorträgen erinnert. Viele Veranstaltungen setzen sich zugleich mit aktuellen Entwicklungen rechter Gewalt auseinander.
Zentrale Gedenkfeier

Anlässlich des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht lädt die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) am Freitag, 9. November, um 13 Uhr gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart (GCJZ) in die Stuttgarter Synagoge in der Hospitalstraße 36 ein. Es sprechen unter anderem der stellvertretende Ministerpräsident und Innenminister, Thomas Stobl, und Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Gestaltet wird die Feier von der Religionsschule der IRGW und dem Chor collegium iuvenum Stuttgart. Männliche Besucher werden gebeten, eine Kopfbedeckung zu tragen.

Nur ein historisches Bild erinnert an die alte Stuttgarter Synagoge, die in der Reichspogromnacht zerstört wurde.VergrößernNur ein historisches Bild erinnert an die alte Stuttgarter Synagoge, die in der Reichspogromnacht zerstört wurde. Foto: Max KovalenkoNur ein historisches Bild erinnert an die alte Stuttgarter Synagoge, die in der Reichspogromnacht zerstört wurde. Foto: Max Kovalenko
Erinnerungsprojekt

Die Vorstandsvorsitzende der IRGW, Professorin Barbara Traub, und die Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, Isabel Fezer, als Sprecherin der GCJZ, haben ein Erinnerungsprojekt an Schulen angeregt.

Gemeinsam mit dem Lernort Geschichte (StjG) und dem Stadtjugendring Stuttgart (SJR) werden in Kooperation mit weiterführenden Schulen in Stuttgart, unterstützt von zahlreichen Initiativen und Institutionen, verschiedene Veranstaltungen vorbereitet und ­organisiert. Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat die Schirmherrschaft übernommen. Knapp 30 Stuttgarter Schulen beteiligen sich an dem Erinnerungsprojekt in vielfältiger Weise - mit Gedenkaktionen rund um Stolpersteine für jüdische Bürger, Stadtrundgänge, Lesungen und Workshops, eigens erarbeiteten Ausstellungen und Theaterstücken.

Rechtsrock - Rechtsruck

Zum Erinnerungsprojekt gehört auch der Projekttag unter dem Titel "Rechtsrock - Rechtsruck. 80 Jahre Reichspogromnacht" am Freitag, 9. November, von 9 bis 12.30 Uhr im Hospitalhof, Büchsenstraße 33.

Welche Rolle spielt der Antisemitismus 80 Jahre nach dieser Nacht? Der Dokumentarfilm "Blut muss fließen", der am Freitag, 9. November, um 9 Uhr im Hospitalhof zu sehen ist, zeigt die extreme Gewaltbereitschaft und antisemitische Hetze bei Rechtsrock-­Konzerten.

Nach dem Film gibt es ein ­Podiumsgespräch. Mit ­dabei sind der Filmemacher Peter Ohlendorf, der Antisemitismusbeauftragte Michael Blume, die Künstlerin Rebecca Choo sowie Schülerinnen und Schüler. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen auf www.hospitalhof.de.

Graphic Novel

Barbara Yelin schildert in ihrer Graphic Novel "Irmina" das Leben einer jungen Frau im nationalsozialistischen Deutschland. Auf eindrückliche Weise wird deutlich, was Menschen dazu bewegte, wegzuschauen, als der Mob wütete. Die Lesung mit anschließendem Gespräch am Freitag, 9. November, im Café LesBar der Stadtbibliothek am Mailänder Platz, beginnt um 19.30 Uhr. Karten zu 5 Euro, ermäßigt 3 Euro, können unter Telefon 216-96527 oder 216-961100 sowie per E-Mail karten.stadtbibliothek@stuttgart.de reserviert werden.

Vortrag und Fotos

Zum Thema "80 Jahre Reichspogromnacht" laden der Bezirksbeirat West, der Jugendrat und die Naturfreunde Stuttgart-West am Freitag, 9. November, um 19.30 Uhr ins Bürgerzentrum, Bebelstraße 22, ein. Balthasar Geib, der ein Freiwilliges Soziales Jahr mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Illinois Holocaust Museum and Education Center in Skokie, USA, ableis­tete, hält einen Vortrag und zeigt Fotos. Die anschließende Diskussion moderiert Wiltrud Rösch-Metzler, Bundesvorsitzende von pax christi. Der Eintritt ist frei, Spenden erhält das Holocaust Museum.

Mehr bei den Jüdischen Kulturwochen

Im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen, die noch bis zum 18. November dauern (Bericht in der Amtsblatt-Ausgabe vom 2. November), im Stadtarchiv Stuttgart und vielen anderen Einrichtungen werden weitere Veranstaltungen angeboten, die sich mit dem Antisemitismus vor 80 Jahren und heute beschäftigen.   
 
Ursachen, Folgen

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Stuttgart und Bad Cannstatt, ebenso wie an vielen anderen Orten im Deutschen Reich, mit Billigung und Unterstützung der kommunalen Behörden Synagogen angezündet und zerstört, jüdische Geschäfte geplündert und hunderte Menschen jüdischen Glaubens in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Ein neues Internetdossier der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) informiert ausführlich auf www.gedenkstaetten-bw.de über Ursachen, Verlauf und Folgen der Reichspogromnacht, verweist auf Quellen, Publikationen und weiterführende Links. Zudem werden die aktuellen Veranstaltungen an den Gedenkstätten im Land genannt.

70 Jahre Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Stuttgart

Zehn Jahre nach der Reichspogromnacht, drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde die Stuttgarter Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) gegründet. Genauer: am 7. Dezember 1948, drei Tage vor der Deklaration der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen, wenige Monate vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland.

Zu ihrem Jubiläum ist jetzt das Buch "Zeitzeichen. 70 Jahre Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart e.V." erschienen. Darin blickt die GCJZ nicht nur auf ihre Gründung (1948-1953) zurück, sondern auch auf zwei "Leuchtturm"-Projekte des Jahres 2018, den Lehreraustausch mit Israel und den Jenny-Heymann-Preis.

Zentrum der Publikation ist die Studie der Historikerin Zarin Aschrafi, die sich mit dem Entstehungskontext der Stuttgarter GCJZ, ihrem Aufbau und Wirkungsfeld, aber auch mit ihrer historischen Bedeutung für das Narrativ des "christlich-jüdischen Dialogs" befasst. Darüber hinaus ergibt sich aber auch die Frage nach den "Zeichen der Zeit", nach der eigenen Positionierung in der Gegenwart, nach angemessenen Bewertungen und zukunftsträchtigen Weichenstellungen.

Die GCJZ Stuttgart hält auch im 70. Jahr ihres Bestehens an ihren Kernanliegen fest: an der Begegnung von Menschen verschiedener Religionen und Kulturen, der Einhaltung der Menschenrechte, dem Einsatz gegen Rassismus, Intoleranz und Antisemitismus - außerdem an einer zeitgemäßen ­Erinnerungskultur.

Zeitzeichen. 70 Jahre Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart e.V., Verlag Klartext, 238 Seiten, 12,95 Euro, ISBN 978-3-8375-2027-9.

Donnerstag, 08.11.2018