Dialog macht Schule - politische Bildung mit Jugendlichen in der Einwanderungsgesellschaft

Mit dem bundesweiten Modellprojekt möchte die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) in Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung dem Mangel an adäquaten Formaten der politischen Bildung für bildungsbenachteiligte Bevölkerungsgruppen entgegenwirken. Die Abteilung Integration führt dieses Projekt seit 2009 an Stuttgarter Schulen durch.

Ausgangslage
Die gängigen Formate der politischen Bildung für Schüler/innen sind eher auf junge Menschen aus Elternhäusern mit akademischer Vorbildung ausgerichtet. So genannte bildungsbenachteiligte Bevölkerungsgruppen mit und ohne Migrationshintergrund nehmen politische Bildungsangebote weniger in Anspruch und beteiligen sich insgesamt weniger am politischen Geschehen. Das Modellprojekt der bpb hat zum Ziel, bei Schülern von nicht-akademisch ausgebildeten Eltern und insbesondere bei jungen Migranten Interesse für Themen der politischen Bildung zu wecken.

Ziele

  1. Die Entwicklung eines Formats der politischen Bildung, das bildungsbenachteiligte Jugendliche in einem durch Einwanderung geprägten Kontext erreicht.
  2. Durch die Anwendung des Formats Dialoggruppen in der politischen Bildung in Jugendmilieus, soll Jugendlichen ermöglicht werden, ein Bewusstsein für Demokratie und politische Partzipation zu entwickeln sowie zu einem differenzierten Umgang mit Fragen von Identität, Religion und Gesellschaft zu gelangen.
  3. Die Jugendlichen sollen sich als vollwertige Subjekte der Gesellschaft und des politischen Systems verstehen und dadurch verschiedene Möglichkeiten bzw. Fähigkeiten der politischen Meinungsbildung und politischen Partizipation erlangen.
  4. Die Dialogmoderator/innen, die die Dialoggruppen begleiten, sollen durch Schulungen, Fortbildungsmaßnahmen und Auswertungsworkshops zu einem Kompetenznetzwerk von 10 bis 15 Multiplikatoren für politische Bildung mit Jugendlichen aus bildungsbenachteiligten Schichten qualifiziert werden, das auch für den Transfer der Ergebnisse in weiteren politischen Bildungsprojekten bundesweit eingesetzt werden kann.
  5. Erstellung einer Handreichung "Jugend, Religion, Demokratie" (siehe Publikationen), die bundesweit in der politischen Bildung Einsatz finden soll.

Ansatz

Die Ziele sollen dadurch erreicht werden, dass im Rahmen des Regelunterrichts oder in freiwilligen Arbeitsgemeinschaften versucht wird, Dialogprozesse zu entwickeln.



Diese Prozesse sind geprägt von der Dialogmethode, die von David Bohm und später von Oscar Freire weiterentwickelt wurde. Mit der Dialogmethode wird versucht entsprechend dem Alter der Jugendlichen, die von der Gesellschaft für Politikdidaktik und Politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) ausgearbeiteten grundlegenden Kompetenzbereiche der Politischen Bildung (Politische Urteilsfähigkeit, Politische Handlungsfähigkeit und Methodische Fähigkeit) zu entwickeln.

Die Dialoggruppen werden von einem/r Moderator/in begleitet. Sie sind Student/innen oder Akademiker/innen mit Migrationshintergrund, so dass sie bei den Schüler/innen eine wichtige Vorbildfunktion ausüben können. Die Moderator/innen wurden von der Adolf-Reichwein Gesellschaft in einer vierteiligen Fortbildung zu Dialogprozess-Begleiter/in ausgebildet.

Besonders wichtig ist es, dass die Jugendlichen die Themen bestimmen. Die Moderator/innen passen sich den Themenwünschen der Jugendlichen an. Durch die regelmäßig stattfindenden Dialogrunden gelingt es über das bloße Gegeneinander oder Aneinander-Vorbeireden hinauszugehen und so ein tieferes Verstehen der Dialogpartner entstehen zu lassen. Dadurch können andere, auch eigene Standpunkte und Haltungen verändert werden.

Das Modellprojekt wurde in den Städten Berlin, Stuttgart und Essen 2009 gestartet. In Stuttgart sind im Schuljahr 2011/2012 die Rosensteinschule, die Friedenschule, die Körschtalschule und die Rilke-Realschule beteiligt.

In der Rosensteinschule wurden im Schuljahr 2009/2010 drei Dialoggruppen auf der Klassenstufe 7 eingerichtet, die fortlaufend bis zum Schulabschluss begleitet werden. Die Gruppen sind im WZG-Fächerverbund (Welt - Zeit - Gesellschaft) eingebettet. Der Migrationshintergrund der Jugendlichen liegt bei 100%.

An der Körschtalschule und an der Friedenschule wurde das Projekt in dem Jahr 2011/2012 auf der Klassenstufe 7 neu eingerichtet. Auf der Körschtalschule finden die Gruppen wie auf der Rosensteinschule im Rahmen der WZG Unterrichts statt.
In der Friedensschule sind sie Teil des Pflichtunterrichts während des Kernzeitunterrichts am Nachmittag.

Seit dem Schuljahr 2009/2010 ist die Rilke-Realschule an dem Projekt beteiligt. Die Gruppen finden als Arbeitsgemeinschaften an Nachmittagen statt. Im Schuljahr 2011/2012 sind drei neue Gruppen in der Klassensufe 8 eingerichtet. Hier liegt der  Migrationshintergrund bei ca. 80%.

Im Johannes-Kepler-Gymnasium wurde das Projekt von 2009 bis 2011 ab der 9. Klasse durchgeführt.

Insgesamt nehmen in Stuttgart ca. 120 Schüler/innen an dem Projekt teil:

Das Projekt wurde am 30. September 2011 im Rahmen der Initiative "365 Orte im Land der Ideen" als inovatives Projekt in der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet.

Weitere Informationen finden Sie auf der homepage der Robert-Bosch-Stiftung und Dialog macht Schule